Marie Steiner

 

Marie Steiner ist seit über dreißig Jahren tot und sie hat zu ihren Lebzeiten niemals ein Buch geschrieben. Marie Steiner ist kein erfundenes Pseudonym, sie hat wirklich gelebt. Sie wurde im Jahre neunzehnhundert geboren. Wo sie geboren wurde und wie ihr Mädchenname lautete, weiß ich nicht: „I’ bi’ a’ Sudeddndeitsche“, hat sie gesagt, wenn man sie gefragt hat. Und ich konnte mir nichts darunter vorstellen.

Ihr Geburtstag war, heute würde man sagen zu Halloween, damals sagte man: am Reformationstag.

Und beides passt zu ihr.

Sie war eine kleine, einfache und lustige Frau, die kaum schreiben konnte und nur ein wenig rechnen. Aber Rechnen und Schreiben waren in ihrer Welt auch gar nicht wichtig: Sie konnte kochen und einen hervorragenden Schmerstrudel backen.

Das reichte um durch ihr Leben zu kommen.

In meinen verzweifelten Stunden frage ich mich, ob wir uns nicht auf unsere Grundbedürfnisse zurückziehen sollten: Liwanzen , Schnitzel, Erdäpfelsalat, Schweinsbraten, Knödel, Erdäpfe'puffer, ei’brennde Dü’erdäpfe, Blunz’n oder Leberwurscht mit G’reste und eben Schmerstrudel.

Marie Steiner war ein Dickkopf.

Dem Staubsauger konnte sie nichts abgewinnen. Wenn jemand versuchte, ihr die praktischen Vorteile des Staubsaugers vor Augen zu halten, antwortete sie: „So an Wuwu brauch’ i’ net.“ So hat sie bis zu ihrem Tod in den frühen Achtzigerjahren den „Wuwu“ mit Verachtung gestraft und mit dem Besen gekehrt.

Wären wir verwandt, wäre der Dickkopf mein Erbe.

Sie beherrschte das große Theater in ihrer kleinen Welt. Kaum, dass jemand gesagt hatte: „Also die Suppe ist heute aber versalzen“, ließ sie sich demonstrativ den Salzstreuer reichen mit den Worten: „I glaub’, die Supp’n is’ heit’ a bissl lind “, und salzte kräftig nach. Dann hat sie unter den staunenden Augen aller aufgegessen. Keine Ahnung, wie sie das gemacht hat, denn die Suppe war wirklich meistens schon vor dem Nachsalzen reichlich versalzen.

Auch das Theatralische hätte ich geerbt.

Die Wochenenden und Ferien verbrachte ich in einem Dorf, das ziemlich genau in der Mitte liegt, wenn man auf der Landkarte Wien mit Pressburg verbindet. Marie Steiner hat dort mit ihrem Mann im Wirtschaftsgebäude eines Gutshofes gelebt. Wenn wir Kinder schlimm waren, ist sie uns mit einem drohend erhobenen Kochlöffel nachgelaufen.

Soweit ich mich erinnern kann, hat sie uns nie erwischt.

Als ich nach der Matura studieren durfte, bin ich in das Dorf in der Mitte zwischen Wien und Pressburg gezogen, weil es exotisch war zu pendeln.

Dazu benutzte ich die Eisenbahn mit dem Fünfer-, dem Siebener- und dem Elfer-Zug. Am Nachmittag um halb Vier ist auch noch einer nach Wien gefahren. Mehr Züge gab es nicht, für die wenigen Pendler auf der Stecke. Denn bald hinter dem Dorf begann der Ostblock.

„Wos host’n heit g’lernt?“, fragte Marie Steiner, das Abendessen umrührend. Und ich hatte keine Ahnung wie ich einer Frau, die sich immer wunderte, wie die Menschen in den Fernsehfilmen so schnell von einem Ort zum anderen kamen, erklären sollte: „Die Bühnenbildgestaltung der Gebrüder Brückner in Wagners Tristan“.

„Z’amrechna“, habe ich gesagt. „In Rechna woarst imma scho’ schlecht“, kam lakonisch vom Herd zurück.

Recht hat sie gehabt. Zahlen waren nie das Meine.

Dann ist sie gestorben, still und lächelnd einfach eingeschlafen. Ganz unspektakulär, so wie sie gelebt hat.

Marie Steiner, eine kleine, einfache und lustige Frau, die kaum schreiben konnte, habe ich zur Autorin eines Buches gemacht, das sie in ihrem Leben nie geschrieben und auch niemals gelesen hätte.

Aber sie wäre bei der Buchpräsentation stolz in der ersten Reihe gesessen und hätte fröhlich gelacht, so wie auf diesem Bild.